Leader+
Logo Chiemgauer Seenplatte

Einweihung am 31. Juli 2005 in Bad Endorf zusammen mit Staatsminister Dr. Thomas Goppel

Franz Angerer, geboren 1953 in Hammer bei Inzell, lebt und arbeitet seit jeher in der Region südlich des Chiemsees. Hier aufgewachsen, eingebettet in die oberbayerische Kultur und Mentalität, hat er sich kontinuierlich seiner Begabung und Berufung gewidmet. Seit 1980 investiert er sich mit seiner Lust an der Natur, der innigen Verbindung zu den verwendeten Materialien und der Wut gegen die Beschränkungen regionaler Verbundenheit, in seine bildnerische Arbeit.

Ein wichtiger Vorgang seiner bildhauerischen Arbeit ist es, das verwendete Holz auf den Kopf zu stellen. Das Material zu drehen und von der entgegengesetzten Seite aus zu betrachten und zu bearbeiten, ist auch Synonym seiner Haltung innerhalb seines Lebens- und Schaffensraumes.

 

Eine Fabel, die ich heute im Internet einer Predigt von Pfarrer Dr. Jörg Sieger aus Bruchsal entnehmen konnte, hilft uns der Installation anzunähern.

„Am Ufer eines Teiches stand eine Eiche: mächtig und stolz. Sie trotzte der Sonnenhitze und beugte sich keinem Sturm; denn ihre Wurzeln reichten tief ins Erdreich hinab. In der Nähe wuchs ein Schilfrohr. Es stand auf feuchtem Grund. Es sah schwach und zerbrechlich aus und verneigte sich vor jedem Wind. "Du tust mir leid", sagte die Eiche eines Tages. "Wärst du doch näher an meinem Stamm gewachsen, ich würde dich gerne vor den Stürmen beschützen!". "Du bist sehr freundlich", sagte das Schilfrohr bescheiden, "aber sorge dich nicht um mich. Kommt ein Sturm mit Gewalt, beuge ich mich bis zur Erde und lasse ihn über mich fortbrausen: Ich beuge mich, aber ich breche nicht!". Die Eiche schüttelte trotzig ihr Haupt: "Ich leiste jedem Sturm Widerstand; niemals würde ich mich beugen!" So wurde es Nacht. Und ein schrecklicher Sturm kam über das Land; er riss Blätter und Äste aus der aufrechten Eiche und wütete stundenlang. Das Schilfrohr beugte sich bis zur Erde. Der Sturm wurde zum Orkan. Mit seiner ganzen Wucht zerrte er am trotzigen Baum - bis er ihn samt Wurzeln aus der Erde riss. Das Schilfrohr beugte sich bis zur Erde. Und als das Unwetter vorüber war, da stand das kleine Schilfrohr aufrecht neben dem gestürzten Riesen.“

 

Dieser Dialog zwischen den ungleichen Gewächsen ist ein Stück Deutsche Geschichte. Die Eiche als deutsches Symbol  - zwar menschliche aber nicht nur in der Geschichte ausufernde Ängste suchen immateriellen Schutz unter der Eiche, unter dem Eichenlaub. Die Eichenschrankwand – ein Stück Ewigkeit für jeden Haushalt.

Diese unumstößliche Eiche ist deutsches Symbol unseres Größenwahnes immer an der Spitze stehen zu müssen – unsere Ängste vor Mittelmaß, unsere Ängste nicht zu genügen, unsere Ängste deutsch zu sein erscheinen oft in peinlichen und demütigenden Gesten, Worten und Handlungen. Wie so oft bei Symbolen ist die Eiche aber ganz anders – sie ist stark und massiv, wird sie vom Wind gefällt trägt sie ihr Schicksal, längst hat sie sich ausgesät und weiterverbreitet, sie muss nicht über sich hinaus wachsen, und jedes Jahr von neuem präsentiert sie im Frühjahr für zwei bis drei Tagen ihre frischen Goldgrünen Blätter. Sie weiß um ihr sein und ihre Grenzen – daher ist die Eiche nicht peinlich und gegenüber dem Schilf auch nicht demütigend.

 

Der fürsorgliche Größenwahn der Eiche gegenüber dem Schilf in vorheriger Fabel erzählt eben nicht von der Eiche sondern von uns Menschen.

Hier in Bad Endorf stellt Franz Angerer wieder einmal alles auf den Kopf mit Hilfe eines ca. 7 Tonnen schweren Eichenwurzelstockes aus der Region östlich des Chiemsees. Er stellt damit auch ein Stück Deutsche Geschichte auf den Kopf um dieser Seiner und Unserer Geschichte die Würde des Vergehens und die Last der Unvergänglichkeit zu nehmen. Diese vom Wind umgelegte Eiche streckt nun Ihren monumentalen Wurzelstock in Bad Endorf gen Himmel, als wäre sie vom Wind über den See getragen worden und an ihrem jetzigen Bestimmungsort eingeschlagen. Massiv, schwer und hilflos zugleich wirkt diese Eiche nun hier in direktem Dialog zu zeitgemäßem Wellnesstourismus und der kleinen Kapelle gegenüber. In einer versöhnenden Geste pflanzt Franz Angerer Steinbrechgewächse aus seinen eigenen Dachgärten in die Wurzelkrone. Der den Wurzelstock umgebende, kiesige Platz beherbergt 70 selbstgezogene Königskerzen, die den langsamen und gleichsam lebensspendenden Verfall der Eiche würdevoll umrahmen. Junge Eichen, am Rande der Installation gepflanzt, werden ihrerseits versuchen, den Kampf gegen alle schädlichen Einflüsse aufzunehmen, um groß zu werden.

 

Franz Angerer, der sich seit mehr als zwanzig Jahren mit dem Dialog Kunst und Naturraum auseinandersetzt, schafft im Kurpark Bad Endorf, zwischen Chiemgautherme und einer Kapelle, mit seiner Installation „Erneuerung – Ausdehnung – Veränderung“ einen Ort des Vergehens und Werdens.

 

Anläßlich der Einweihung schenkte Franz Angerer jeder der sieben beteiligten Gemeinden eine selbstgezogene Eiche um diese im jeweiligen Gemeindegebiet zu pflanzen.

Andreas Pytlik 6.2005