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Wilhelm Morat – „Die Tägliche IX“

 

Wir stehen hier an einem 12,50 m langen Fichtenstamm, die Spitze lasiert, in rot, Farbbezeichnung „Ochsenblut“. Aus ca. 350 hiesigen Tageszeitungen hat Wilhelm Morat in 4 Wochen ein 9 m langes Geflecht zusammengestrickt und an diesem Stamm befestigt. Diese von Wilhelm Morat angefertigte Außenskulptur wurde mit vereinten Kräften in der Gemeinde Pittenhart, paradiesisch gelegen in der Eggstätter Seenplatte im Chiemgau, in Oberbayern, südöstliches Deutschland, im Zentrum Europas, an genau diesem Platz unserer Welt, aufgestellt.

So einfach redaktionell könnte man über die Tatsache, dass „die Tägliche IX“ von Wilhelm Morat ab jetzt hier steht, berichten – bis zu dem Punkt „unserer Welt“, da geht es los, da stimmt etwas nicht. Denn dieser Ort vermittelt geradezu das Gefühl gar nicht zu dieser Welt zu gehören.

 

Zu dieser Welt, die uns ständig bedroht und bedrängt durch Nachrichten aus den Zeitungen, dem Fernsehen, dem Internet. Und das letzte Gespräch mit dem Nachbarn, dem es jetzt echt dreckig geht, weil es ja gerade allen ganz schlecht geht in diesem, auch unserem, Land – das Gespräch muss er aber jetzt abbrechen, schließlich muss der Van noch bepackt werden, denn morgen ist es einfach angenehmer zu fahren - auf den Autobahnen Richtung Südfrankreich. In den letzten beiden Schultagen lernen die Kinder eh nichts mehr und wenn die Ferien angefangen haben fahren ja alle, er muss mal raus hier, drei Wochen nichts sehen und nichts hören, einfach mal abschalten.

 

Abschalten, sich abschalten, das eigene Sein abschalten, das Fühlen abschalten, das sich selbst verantworten abschalten. Dieser krankhafte Wunsch steht wohl für alle zivilisierten Gesellschaften und das Unvermögen sich darin wirklich zurecht zu finden. So neigen viele zur Massenflucht von einem Ort zum anderen, lesen dort wieder die gleiche Zeitung, um hier wie dort nicht allein zu sein. Sehen das wahre Leid darin nicht, sondern phantasieren sich weiter in ihr Jammertal.

 

Dieser Platz hier auf der Bank, zwischen den beiden Birken, bietet an sich zu besinnen, auf sich selbst zu konzentrieren, nachzudenken, zu spüren. Keine Flucht, sondern sich erholen von dem echten Leid dieser Welt, von den Nachrichten über Krieg, schreckliche Zerstörungen durch Terror und unbeherrschbare Naturkräfte. Und sich erholen von dem menschlichen Schwachsinn, den ständigen Selbstsüchten, den Bösartigkeiten denen sich Menschen gegeneinander aussetzen. Man wird trunken von der Idylle, von dem scheinbaren Mangel an Bedrängendem. Die Welt scheint ausgeschlossen, obwohl wir uns ja in einem Teil dieser Welt befinden. Ausgeschlossen scheint die Welt, die wir nicht mögen. Aber kann man sich wirklich aussuchen wie die Welt funktioniert in der wir leben? Nein kann man nicht! Aber wir können uns Plätze suchen um uns zu erholen, denn das heute ständig Miterleben müssen, was in allen Teilen dieser Welt passiert, ist anstrengend und nicht immer leicht und klar von dem zu trennen was einen wirklich real betrifft und was einem lediglich als Information in das eigene Haus, in das eigene Gefühl flattert.

 

Wilhelm Morat stellt nun gerade an so einem Ort der Erholung, der Besinnung, einen Baum auf, ummantelt mit einem dichten Geflecht aus genau diesen Zeitungen, mit diesen dummen und schrecklichen Meldungen, von denen wir uns hier erholen wollen. Aber, und damit kommen wir zur Kunst, er macht das mit größter Sensibilität und ästhetischem Gefühl.

 

Wilhelm Morat nimmt die einzelnen Seiten und verflechtet diese, strickt sozusagen ein gesellschaftliches Tagebuch - durch ihn unlesbar geworden. Er verknüpft kollektiv sinnvolle wie unsinnige Medienmeinungen zu einer formalen Form, entzieht der Einzelinformation ihre Bedeutung, wodurch das größere Ganze sichtbar, spürbar wird, ohne uns plakativ zu beeinflussen.

 

Dieser am Weg aufgestellte Baum ist ein Maibaum des Alltäglichen - ist ein Hoffnungszeichen. Ein aufrecht stehender Baum so wie ein Maibaum, um die Hoffnung auf gute Ernte und Einkünfte einer Gemeinschaft sichtbar werden zu lassen. Mit der Hand aufgestellt um zu zeigen - wir sind stark genug um uns um unsere Belange zu kümmern. Ein aufrecht stehender Baum wie ein Weihnachtsbaum, als Hoffnungszeichen auf das im Frühjahr wiederkehrende Grün. Auf die ständige Wiedergeburt im Jahreskreislauf.

Ein aufrechtes Zeichen steht für das eigene Auferstanden sein im eigenen Leben. Das im eigenen Leben stehen und sich zu Wort melden, wenn es notwendig ist. Nicht gebückt unter der Last des Jammertals oder der medialen Flut, sondern aufrecht wie der Stamm, der oben stolz aus der Meinungsmasse herausragt. In königlichem Rot zeigt er in den Himmel in Anbetracht des Ganzen, der schönen Natur, die in ihren Details genauso grausam ist wie die Zeitungsmeldungen.

 

Das Rot hat die Farbbezeichnung „Ochsenblut“, womit früher die Holzhäuser gestrichen wurden, um das Holz und vermutlich auch sich selbst zu schützen, vor dem was man böse Geister nennt. Die bösen Geister sind meist unsichtbar, aber spürbar, wenn wir uns ganz wahrnehmen und fühlen können.

Uns ganz wahrzunehmen heißt die ganze Welt wahrzunehmen, das echte Leid, die echte Not.

Uns ganz wahrzunehmen heißt hier Erholung zu suchen und auch zu finden, um dann gestärkt aufzustehen, aufzutreten und zu leben – jeden Tag.

 

Dafür steht die Skulptur „die Tägliche IX“ von Wilhelm Morat hier an diesem Ort in der Gemeinde Pittenhart, paradiesisch gelegen in der Eggstätter Seenplatte im Chiemgau, in Oberbayern, südöstliches Deutschland, im Zentrum Europas, an genau diesem Platz unserer Welt.

 

Andreas Pytlik

10.05