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"Steine legen - ans Licht bringen" von Franz Pröbster-Kunzel

realisiert im Rahmen von chiemseeart am Feldweg von Landertsham zum Griessee, Gemeinde Obing.

 

Franz Pröbster Kunzel, geboren 1950 in Forchheim in der Oberpfalz, arbeitet seit 1975 als freischaffender Künstler. Ursprünglich übernahm Franz Pröbster Kunzel den elterlichen Bauernhof, d.h. er lebte mit und von der Natur. Diese von zu Hause aus mitgegebene Naturverbundenheit ist auch heute noch Grundantrieb seines künstlerischen Schaffens. Als Landwirt musste er mit der Natur wirtschaften, innerhalb der Rahmenbedingungen, die EU und internationaler Markt vorgeben.

Eine seelische Last, oder wie Franz Pröbster Kunzel sagt: „eine Schwermut“, plagte ihn und forderte eine Bewegung – eine Veränderung. Wohl ein Konflikt seiner Wahrnehmungsfähigkeit, seinem Natur sein und dem was gesellschaftlich aus der Natur erwirtschaftet werden sollte. Er begann in die Natur zu gehen und diese durch Rituale für sich wahrzunehmen, für diese Momente frei von ökonomischen Zwängen.

Im Frühjahr sammelte er die Steine, die nach dem Winter wie hochgeschwemmt auf den Feldern liegen. Aber nicht um diese wie üblich am Waldrand zu entsorgen, sondern er nahm die Arbeit, dass Bücken und Aufsammeln wahr, er konnte der Tätigkeit einen Wert entnehmen – den Wert der Tätigkeit oder der Handlung an sich. Franz Pröbster Kunzel trug diese Steine auf den Hof und legte diese zu einem Feld in der Scheune aus. Er konzentriert diese einfachen Handhabungen zu einem bewusstem Handeln. Ausgelegt handelt es sich um eine Reihung von einzelnen Steinen, aber Franz Pröbster Kunzel zieht Striche über dieses Steinfeld und schafft damit eine Verbindung zwischen den einzelnen Steinen. Er macht sie zu einer Steingesellschaft, die durch die Linien in eine Ordnung gebracht werden, die er halten oder verwerfen kann.

Franz Pröbster Kunzel ist ein religiös geprägter Künstler, immer auf der Suche nach dem religiösen Gefühl des Daseins. Aber, und das macht die Ernsthaftigkeit Franz Pröbster Kunzels aus, nicht um vorhandene Bilder der Weltreligionen zu illustrieren, sondern mit einfachsten meist naturgegebenen Mitteln macht er Zeit wahrnehmbar, macht er die jahreszeitlichen Veränderungen deutlich und weißt hin auf das was als Schöpfung bezeichnet werden kann. So sind viele seiner zyklischen Serien im Jahreskreislauf angelegt und jährlich wiederkehrende ritualisierte Handlungen, die  im Laufe der Zeit zu monumentalen Installationen anwachsen. So bindet er jedes Jahr aus den von ihm geschnittenen Weiden Ringe. Kleine wie große Weidenringe, je nach Größe der Weidenruten, aber nur, wenn die Ruten der Jahreszeit entsprechend geschnitten werden können und weich genug sind, um gebunden werden zu können. 70000 solcher wiederum miteinander verbundener Weidenringe sind so über die Jahre entstanden. Monatsbretter nennt er dicke Holzbohlen, in die er für jeden Tag eine Kerbe schneidet – jeden Tag eine Kerbe, jeden Monat ein Brett – Lebensbretter als Dokument seines Daseins. Striche auf handgeschöpftem Papier, einer nach dem anderen in gleichmäßigem Rhythmus. Ist der Strich auf dem Papier, ist dieser deutliches Zeichen für den gerade vergangenen Augenblick, festgehalten durch einen Strich in einer nahezu unendlichen Reihung von Strichen, die ihrerseits optisch sich wieder zu Linien auswachsen.

Für chiemseeart legt Franz Pröbster Kunzel Steine am Feldweg von Landertsham zum Griessee. Drei Steine - jeder dieser Steine wiegt zwischen 7 und 9 Tonnen. Mit weiteren 20 Tonnen kleinerer Steine werden die großen Steine eingefasst und in Form gebracht. Der Weg in das nahe liegende Moor führt zwischen zwei Moränenhügel hindurch über eine Wiese, an deren Rand nun diese offengelegten Steine des Chiemseegletschers liegen und auf die Entstehungsgeschichte dieser Landschaft verweisen. Aus der naheliegenden Kiesgrube antransportiert sind diese Steine jetzt sichtbarer Teil dieser Landschaft. Gelegt und ans Licht gebracht liegen die Steine wie Zungen auf der Wiese, unverrückbar. Zeitzeugen durch deren Wiedersichtbarmachung die Zeit in ihrem gesellschaftlichen Takt unbedeutend wird. Ein Takt, dem wir alle Folgen müssen, um alltäglich bestehen zu können. Ein Takt, der sich im Sein verlangsamt, leiser und leiser wird und für Momente in einer rauschenden Stille mündet.

 

Andreas Pytlik

März 2006