Leader+
Logo Chiemgauer Seenplatte

"Maiblock" von Indrikis Latsons

realisiert im Rahmen von chiemseeart an der Keltenschanze in Truchtlaching, Gemeinde Seeon - Seebruck, Mai 2006.

 

Der Maiblock wurde von Indrikis Latsons für die BUGA 2005 in München realisiert. Indrikis Latsons, geboren 1974, studierte von 1998-2001 an der Kunstakademie seiner Heimatstadt in Riga, Lettland. Seine anfangs klassische Bildhauerei setzte ihm Grenzen, die er durchbrach indem er seine Heimat verließ und sein Kunststudium seit 2001 an der Münchner Kunstakademie fortsetzt. In München begann er experimentell zu arbeiten. Befreit von der Erwartung der Tradition seiner Heimat, bzw. der Kunst seiner Heimat, entwickelt Indrikis Latsons den neugierigen Blick des Fremden. 

 

Dieser Fremde, angekommen in der Fremde, oder wie es heute heißt Wahlheimat, sucht Baumaterial für seine Behausung. Nicht vertraut mit den hier üblichen Bräuchen, scheint es ihm praktisch, die bereits gestrichenen Stämme der Maibäume zu verwenden. Die Landesfarben blauweiß begegnen ihm allerorts. So erzeugt es in ihm geradezu ein Wohlgefühl im Zeichen dieser Farben zu leben und das fremd Sein zu überwinden – er beginnt sich zugehörig zu fühlen. Die hier Ansässigen dagegen fühlen sich bedroht, es wurde aus ihrer Sicht kein Baumstamm benutzt, sondern ein Symbol missbraucht. Man könnte es dem Fremden erklären und mit ihm zusammen einen neuen Maibaum aufstellen, aber wie lehrt uns die Geschichte und die Gegenwart – der Bär muss erlegt werden.

 

Heimat entsteht aus der Wahrnehmung des Ortes an dem man sich aufhält.

Empfindbar aus dem Unterschied. Zum Fremd - dem Gegenpol.

Heimat ist durch Wahrnehmung etabliertes Gefühl. Gleichermaßen destruktiv

und konstruktiv – flüchtend und suchend – ängstlich und glücklich.

 

Heimat ist Schutz und Geborgenheit.

Heimat ist Gefängnis und Bedrohung.

Heimat ist ein Beziehungsdrama.

Heimat ist selbstverständlich.

Heimat ist ein Kampf.

Heimat ist Nährboden.

Heimat ist Familie, oder das Ringen gegen die Einsamkeit.

Heimat ist gespeicherte kulturelle Erfahrung.

Heimat ist Geschichte - ein schmerzlicher Verlust.

Heimat ist Erwartung - deren Enttäuschung den Golem gebiert.

Heimat ist sinnlicher Impuls - gespeichertes Gefühl.

Heimat ist Zugehörigkeit.

Heimat ist Verbannung.

Heimat weigert sich auf den Kopf gestellt zu werden.

 

Die Alltäglichkeit unseres Lebensraumes, die Automatik wie wir uns bewegen,

die Routine, die jeder von uns braucht um sein Leben bewältigen zu können, lassen ein Heimatempfinden oft nicht mehr zu. Erst die Störung der gewohnten Ordnung schafft Raum zum Wahrnehmen – macht aufmerksam.

Erst wenn Heimat auf den Kopf gestellt werden kann und darf, ist sie Schutz und Freiheit gleichermaßen. Nur dann ist Heimat auch Lebensraum.

 

Der Maiblock, gefertigt wie ein Blockhaus, scheint aus Maibaumstücken zusammengebaut zu sein. Der Standort zwischen Keltenschanze und Fluchtburg schafft die historische Verbindung zum Blockhaus früherer Zeit. Haus oder Hütte sind und waren seit jeher Schutzräume für menschliches Leben. Die Optik der blauweißen schrägen Streifen ist in Bayern allgegenwärtig. Aufragend markieren der Maibaum und der Kirchturm die höchsten Punkte einer Ortschaft. Der Maibaum gehört zu den tief verankerten Symbolen unserer Region. Der Maiblock zitiert diese gewohnten Sichtweisen und stellt die damit verbundenen Gefühle in einen neuen ungewohnten Zusammenhang.

 

Heimat wird wieder empfunden. Ausgelöst durch Erinnerung vertrauter Bilder im Abgleich zur empfundenen Störung. Der Maiblock ist eine Anregung die eigenen Heimatgefühle und Gewohnheiten neu zu betrachten – neu zu erleben. Den eigenen Standpunkt in Bewegung zu halten. Indrikis Latsons aus Lettland hat mit dem Maiblock ein unser Denken und Fühlen anregendes Heimathaus geschaffen.

 

 

Andreas Pytlik, 5.06