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"Bänke" von Christoph Brech

realisiert im Rahmen von chiemseeart an fünf Orten in Eggstätt, Juli 2006.

 

Standort 1: Rathaus

Standort 2: Dorfplatz neben der Kirche

Standort 3: Königslinde

Standort 4: Hartsee

Standort 5: Friedhof

 

Christoph Brech wurde 1964 in Schweinfurt geboren. Nach einer Ausbildung zum Gärtner studierte Christoph Brech an der Akademie der Bildenden Künste in München. Sein Werk konzentriert sich mittlerweile auf Videoarbeiten, Rauminstallationen und Arbeiten im öffentlichen Raum. Seine Videoarbeiten werden weltweit gezeigt. Nach einem Stipendium in den Jahren 2003 und 2004 in Kanada lebt und arbeitet Christoph Brech in diesem Jahr als Stipendiat in der Villa Massimo in Rom.

 

Während den Recherchen zu einem möglichen Projekt für chiemseeart entdeckte Christoph Brech den Eggstätter Bankerldichter Nikolaus Kiener. Eine regionale Besonderheit oder eine, im positiven Sinne menschliche Verrücktheit, die um die Jahrhundertwende in und um Eggstätt präsent und bekannt war.

 

Nikolaus Kiener war Schreiner, dessen Passion war Sitzbänke zu bauen und diese in und um Eggstätt aufzustellen. Er spendierte der Region diese Bänke, die er allesamt mit dem Logo „Bayerische Volksbank“ versah. Die von ihm gebauten und aufgestellten „Volksbänke“ waren ein Angebot Kieners sich zu setzen, zu ruhen, zu schauen, zu rasten. Der Bankerldichter Kiener versah jede Bank mit einem Vers, einem Gedicht, das meist wieder mit dem Ort der Bank in Verbindung stand - es waren Kommunikationspunkte regionaler Befindlichkeit.

 

So nutzt auch Christoph Brech mit seinen Bänken die Verse an Orten, wo diese wiederum mit dem Umfeld kommunizieren, wie z.B. am Rathaus:

 

Bier, Fleisch, Brot und Eier

Gott beschütze uns vor Steuer

 

Oder als Willkommensgruß am Ortseingang:

 

Gott sei Dank

da is jetzt a Bank

 

Oder im poetischen Sinne am Friedhof:

 

Do aussi is Nord’n und do eini is Süd’n

wenn Leut mitanand guat san, dös hoaßt ma an Fried’n

 

Die Gedichte, Verse und Befindlichkeiten Nikolaus Kieners berührten Christoph Brech als eben diese herzliche, menschliche und regionale Besonderheit. Von einem, der Sitzbänke zur Veröffentlichung eigener Verse nutzt, hatte er noch nicht gehört. Ein Ortsdichter, für den sich literarisch sicherlich niemand interessiert, wurde durch die feinsinnige Wahrnehmung Christoph Brechs in ein zeitgenössisches Bild verwandelt und damit, im besten Sinne der Volksbank, wieder ein Teil des Ortsbildes von Eggstätt.

Christoph Brech verstärkt den Aspekt der Volksbank mit dem Rätsel, dass in dieser Woche Eggstätt beschäftigt hat. Alle Bürger sind eingeladen gewesen am Lesen bzw. am Enträtseln teilzunehmen. Durch die Diskussion im Vorfeld um das Rätsel, erobern sich die Einwohner Eggstätts das Wissen um die Bänke. Entdecken ein Stück Ortsgeschichte in einer zeitgenössischen Übersetzung.

 

In den Arbeiten Christoph Brechs spielt die Zeit, oder besser das Gefühl für Zeit eine zentrale Rolle. So ist die Bank ein Ort der eigenen Zeit, man setzt sich und die einen umgebende Hast und Hektik zieht an einem vorüber.

 

Bänke sind Orte, die außerhalb des gesellschaftlichen Zeitdrucks stehen.

 

In einer seiner Videoarbeiten filmt Brech ein Wasserglas während der Überfahrt auf einem Containerschiff von Deutschland nach Kanada. Die in diesem Moment spürbare Welt wird wahrnehmbar durch das Wasserglas. Die Sonne, die durch das Bullauge scheint bricht sich im Glas wie ein funkelnder Diamant. Die Motorengeräusche sind sichtbar in der Unruhe des Wassers, die Bewegung des Schiffes wird deutlich durch das Schwappen des Wassers im Wasserglas. Übertragen auf die Installation Bänke in Eggstätt sind wir, die Rastenden oder Sitzenden, das Wasserglas. Durch unser Gefühl und unsere Wahrnehmung an den einzelnen Plätzen nehmen wir die Welt war und spüren in und durch uns die Umgebung. Das Funkeln des Sees, die spielenden Kinder, die Bäume im Wind, die vorbeifahrenden oder vorbeirasenden Autos, die Kinder, die zur Schule gehen, die Passanten, die sich unterhalten, die aufgepackten Fahrradfahrer, die Behördengänger und deren Miene nach dem Behördengang, die Trauergemeinde am Friedhof, die Ruhe am See bei kaltem Wetter, der tägliche Übergang vom Tag zur Nacht. Alles Wahrnehmungen und Empfindungen innerhalb derer wir unser Leben bestreiten. Die Bänke bieten uns eine Auszeit an, um sich nicht innerhalb zu bewegen, sondern zum Beobachter zu werden - zum Wasserglas - zum Wahrnehmungskatalysator von Zeit und Bewegung.

Jede von Christoph Brech in Eggstätt installierte Bank ist ein Ort der Verdichtung, ein Ort an dem sich Eindrücke und Zeitmuster überschneiden. Skulpturen, die aus der Vergangenheit Lebensbefindlichkeiten des Beobachters Nikolaus Kieners transportieren in unsere Zeit, in die Zeit desjenigen, der sich heute darauf setzt oder die Skulptur liest. Christoph Brech hat 23 Holzarten 23 Buchstaben unseres Alphabetes zugeordnet, eine Art Punktschrift, ein Code, der durch das decodieren der jeweiligen Holzeigenschaften zu dem Buchstaben führt für den der Baum steht. Das verwendete Holz stammt zu 90 % aus heimischen Wäldern und Gärten, eine lebendige Vielfalt, die wohl den wenigsten von uns bewusst und bekannt ist.

Stamm für Stamm lesen, entweder symbolisch wie ein Alphabet, oder sinnlich - hartes Holz, weiches Holz, raues Holz, glattes Holz, nahezu runde Stämme, asymmetrische Stämme, glatte Rinde, furchige Rinde, duftendes Holz, nahezu geruchloses Holz, feuchtes Holz, trockenes Holz. War bei Kiener das Holz lediglich Material um seine und unsere Volksbänke zu bauen, ist heute bei Christoph Brechs Skulpturen das Holz selbst teil des Kunstwerkes und Zeichen der Vielfältigkeit von Leben. Leben das wiederum der Zeit unterliegt, weiches Holz wird schneller verwittern, harziges Holz trotzt der Verwitterung länger, hartes Holz wird lange Zeit an die Bank erinnern können. Die Bankskulpturen sind ein Memorial – ein sterbliches, das verwittern wird und vergehen. Die jetzigen Volksbänke werden ihr Gesicht ändern. Durch das Verwittern des Holzes wird sich der Rhythmus der Buchstaben lichten. Die Verse lösen sich wieder von der ihr jetzt gegebenen Form und werden nur noch mittels des Schildes als Ganzes zu entziffern sein.

 

Christoph Brechs „Bänke“ sind ein Memorial für Nikolaus Kiener, sie sind Volksbänke für die Bewohner und Besucher Eggstätts, sie sind Mahnmale der Zeit und sie sind eine Hommage an die Eigenartigkeit.

 

Zum Schluß noch zwei Verse von Nikolaus Kiener:

 

Eggstätt ist grüabi, zünftig und guat

weil d’Frösch koane Federn ham und d’Schneckn koa Bluat.

 

Sauerkraut und Leberwurst

d’Eggstätter ham oiwei Durst.

 

 

Andreas Pytlik, Juli 2006