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Christophe Doucet in Altenmarkt an der Alz

Le Pélican de Baumburg ou l’art dans le paysage ( Der Pelikan von Baumburg oder die Kunst in der Landschaft)

 

 

Christophe Doucet, 1960 in Frankreich geboren, besuchte die Ecole des Beaux Arts in Bordeaux. Bevor er sich ganz auf seine Kunst konzentrieren konnte arbeitete er als Waldarbeiter. Während dieser Zeit entstand eine Skulpturenserie, die durch Werkzeug inspiriert war, dass man zum Arbeiten im Wald und der Natur benötigt. Christophe Doucet hat nicht den Blick eines Ausgestoßenen, der Themen der Natur bearbeitet um sich moralisch aufzuspielen, um sich mit der dummen Arroganz des scheinbar Besserwissenden Anderen gegenüber erhaben zu fühlen. Nein, Christophe Doucet empfindet sich selbst als Teil der Natur, bearbeitet seit 20 Jahren Themen, die sich mit dem Natursein auseinandersetzen - reflektiert welcher Teil in der Natur unserer ist, welche Werkzeuge wir brauchen um mit unseren natürlichen Gegebenheiten zurecht zu kommen. Er abstrahiert diese Werkzeuge als kämen sie aus einem mythischen Versuchslabor. Sie erzählen vom natürlichen Menschsein und von der Mühsal, die dieses Sein manchmal mit sich bringt.

 

Sein neuester Zyklus nutzt Tierabbildungen, die Doucet aus Holz heraus arbeitet.

Diese Tierbildnisse dienen nicht der bloßen Abbildung eines Tieres, vielmehr stehen sie für die Naturkräfte die wir mit Ihnen verbinden. Sie stehen symbolhaft für die märchenhaften und mythischen Aussagen, die wir in ihnen sehen. Einerseits empfinden wir diese animalischen Kräfte als stärkend und wohlwollend, andererseits als bedrohlich und zerstörerisch.

 

Für Altenmarkt ging Christophe Doucet auf die Suche, zum einen beeindruckten ihn die majestätischen Schwäne am Chiemsee, zum anderen entdeckte er mit Hilfe des Mesners der Kirche im Kloster Baumburg die Geschichte vom Pelikan. Die Pelikanskulptur steht ganz oben auf dem Altar und zeigt einen verfremdeten Pelikan, der mit dem Schnabel seine drei Jungen füttert. Wegen einer Dürre drohen die Jungen zu verdursten, der Pelikan öffnet sich die Brust und füttert seine Jungen mit dem eigenen Blut. Diese Geschichte entstand im zweiten Jahrhundert in Griechenland im Rahmen einer frühchristlichen Naturlehre. Im Mittelalter wurde diese Pelikangeschichte als Symbol für Tod und Auferstehung, den Opfertod Jesu Christi und als Symbol für das christliche Abendmahl weltweit verbreitet. Diese Pelikanabbildungen führen die Geschichte Jesu Christi auf eine mythische Natursymbolik zurück, wie wir sie aus den Naturreligionen von, in Anführungsstrichen, primitiven Völkern kennen. Christophe Doucet verarbeitet diese Eindrücke zu einer zeitgenössischen Darstellung.

 

Er selbst hat seine Arbeit und seinen Aufenthalt so beschrieben:

 

Die Landschaft setzt sich nicht nur aus Feldern, Bäumen und Kirchtürmen zusammen, die den Horizont markieren, sie besteht auch aus diesen nicht immer sichtbaren, aber sehr wohl spürbaren Naturplätzen. Hier in Altenmarkt in Bayern haben wir zwei Gottesäcker, von denen einer auf die napoleonischen Kriege zurückgeht, eine Grotte, in der die Jungfrau Maria erschienen ist, und ein altes Kloster mit prunkvoller Barockausschmückung. Alles wirkt mit an der Erarbeitung einer Skulptur: Die Härte der Eiche, der Vogelgesang, die Schneide einer Axt, der nahe gelegene Friedhof oder die Abtei mit den barocken Skulpturen. Eine davon erregte meine Aufmerksamkeit in besonderem Maß: Ein über dem Altar sitzender Pelikan, der – wie es die Legende will – sich die Brust mit dem Schnabel öffnet, um seine Jungen mit seinem Blut zu nähren. Dieser Pelikan hat Ähnlichkeit mit einem weißen Adler oder einem Schwan. Vorteil eines Mythos – wie auch eines Traums - ist es, uns vom Realen zu befreien. Und dann ist da noch der Chiemsee, wo ich wunderschöne Boote aus Holz und einen weit draußen schwimmenden Schwan sah. In der Skulptur vereint sich all dies: Der Friedhof oder der frühe Tod meiner Mutter, das Boot oder die Überfahrt auf dem Acheron und der Pelikan, der uns auf dieser schwierigen Reise zur Seite steht …

Christophe Doucet, Altenmarkt an der Alz, Mai 2011

 

 

Ein Boot zwischen Himmel und Erde, zur Überfahrt auf dem Fluss, vom Diesseits ins Jenseits und zurück? Ein Vogelkopf, der aus dem rohen Eichenholz herauszuwachsen scheint, die Insassen des Bootes füttert, ein Pelikanschnabel, ein Schwan- oder Entenschnabel. Je nachdem aus welchem Winkel wir die Skulptur betrachten wechselt auch der Eindruck um welchen Schnabel es sich handeln kann. Eine Skulptur, wie eine Weltenreise, Leben und Tod, Angst und Freude, Verlassen und Ankommen. Zwei Stück Eiche aus einem Wald, zu einem Vogelkopf und einem Boot vermählt, zwischen Klosterkirche und Friedhof, zwischen Hügel und Fluss, am Rand des Parkplatzes zum Kloster Baumburg, am Beginn eines Wanderweges am Waldrand. Ein Ort, eine Schnittstelle, wie die Arbeiten von Christoph Doucet zwischen Naturempfinden und Zivilisation.

 

Andreas Pytlik

18 Mai 2011

 

Gedanken zur Skulptur von Christophe Doucet vom Pfarrer der Kirche Baumburg:

 

Es ist sehr erfreulich, dass der Künstler Christophe Doucet bei der Gestaltung des neuen Kunstwerks sich nicht nur von unserer schönen Landschaft am Alz-Fluss und dem prächtigen Baumbestand hier beim Parkplatz anregen ließ, sondern auch von unserer herrlichen ehemaligen Klosterkirche Baumburg – und zwar insbesondere vom Symbol des Pelikans auf unserem Tabernakel am Hochaltar. Ein alter Mythos besagt hierzu: In höchster Not für Mensch und Tier reißt sich der Pelikan mit seinem Schnabel die eigene Brust auf und nährt seine Jungen mit seinem Herzblut.

Sehr bald wurde dieses Bild schon auf Christus übertragen.

 

Unser neu geschaffenes Denkmal steht unmittelbar neben dem Buchenwald-Friedhof, in dem so viele Opfer der Schlacht von Hohenlinden bestattet sind. Entsetzlich viel Blut floss in der langwährenden „Erbfeindschaft“ zwischen Deutschland und Frankreich: In den napoleonischen Kriegen, im 1870/71er Krieg und in den beiden Weltkriegen. Darum ist es höchst erfreulich, dass jetzt gerade ein Künstler aus Frankreich im Rahmen eines europäischen Förderprogramms hier bei uns tätig werden konnte.

Da, wo der Pelikan sich die Brust aufreißt, hat der Künstler bei diesem Baumstamm ein Schiff gestaltet – wohl auch als Sinnbild unserer urmenschlichen Sehnsucht nach Geborgenheit. Dieses neue „Denkmal“ kann uns nachdenklich machen darüber, dass wir alle unser Leben als Geschenk haben dürfen und dass wir alle leben von schenkender Liebe.

Es möge auch ein frohmachender Ort der Begegnung sein - und ein Anlass zur dankbaren Besinnung darauf, dass uns seit vielen Jahrzehnten in Europa Frieden geschenkt ist - für frühere Zeiten war das undenkbar!

 

Mit freundlichen Grüßen und besten Wünschen

Ihr

 

Josef Stigloher, Pfarrer

Mai 2011